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Über Weltbilder. Bohm, Mach und Dawkins

  • Author: Anton Fürlinger
  • Category: Articles
  • Region: Austria
  • Field of law: Semiotics
  • Citation: Anton Fürlinger, Über Weltbilder. Bohm, Mach und Dawkins, in: Jusletter IT 11 September 2014
Anhand des Ausdrucks «Weltbild» wird auf drei oft unbeachtete aber wesentliche Aspekte hingewiesen. Erstens baut sich die Welt nicht nur aus Dingen auf, sondern spielt sich wesentlich mit vielen Prozessen zwischen Agenten ab. Zweitens können wir dieses Spiel am besten als erste und zweite Person, als (Theater ) Rollen darstellen und verstehen. Drittens ein Paradoxon: Unser Körper als Bühnenrand agiert immer mitten im Weltgeschehen.

Inhaltsverzeichnis

  • 1. Wie vertragen sich Fließ-, Bild- und Dialog- «Prinzip»?
  • 2. Die Welt durch das linke Auge gesehen (Mach, 1922)
  • 3. Wo kommt das Soziale, das Dialog-Prinzip, her?
  • 4. Literatur
[1]

Beschreibungen, auch Bildbeschreibungen, und erst recht Beschreibungen von (Bild-) Beschreibungen wie in diesem Versuch, sind nur mittels Sprache möglich.

[2]
Jede schriftliche Darstellung ist auch ein Bild, z.B. der Text hier und jetzt vor Ihnen, ein Textkorpus mit Kopf (Titel, Untertitel) und einer Art Schwanzfedern (die Literatur).
[3]
Beide Kunstformen werden auf mindestens einen Konsumenten hin produziert, aber weiter gedacht: sind nicht alle Menschenpersonen «an und für sich» dialogisch angelegt, spielen sie nicht permanent beide Rollen gleichzeitig? Schon die Frage ist implizite Dialogform! Und das Rufzeichen erst!
[4]
Die Neurowissenschaften geben die Antwort: Darstellen, Erklären und Verstehen funktionieren gleichartig, wenn man das Erleben dabei als innere sensomotorische Prozesse ohne «Endmotorik» akzeptiert. Sind Texte im Gebrauch zweifellos prozessual, so scheint bei Bildern eine solide Ganzheit vor-zu-«liegen», aber die Kontrolle der Augenbewegungen bei den Betrachtern zeigt, dass auch Bilder «gelesen», individuell unterschiedlich gescannt/abgesucht werden.
[5]

Der Physiker David Bohm (1987) machte auf die Prozessualität von Schreiben und Lesen aufmerksam («Rheomode»), dahingehend, dass schon das Verb «aufmerksam machen», relevare, wesentlicher ist als das Substantiv Relevanz. Aber ist nicht schon Verbum als «Tun-Wort» paradox?

[6]
Pointiert gesagt: Solange Substantiva unsere Aussagen dominieren, verstehen wir, als dauernd durch Sprachdomänen Reisende, nur «Bahnhof» – und nicht «reisen».

1.

Wie vertragen sich Fließ-, Bild- und Dialog- «Prinzip»? ^

[7]

Die Fließ-Metapher des Rheomode entspricht den (letztlich elektro-) dynamischen Nervenprozessen, wie auch Czikszentmihalyis (1987) «flow», das phasenhaft glückliche Versinken des Ich im Geschehen-Lassen. Leider haben weder Gibsons (1982) «affordance», der Aufforderungscharakter z.B. eines Glases zum Hingreifen, noch die Hingreifversuche der Spiegel-Neuronen-Forscher (Rizzolatti et al. 1996) zu einem Umdenken professioneller Weltbild-Konstrukteure wie Philosophen geführt.

[8]

Sind es (nur die) Philosophen, die an Stelle von Vorgängen eher statische Dinge, das Glas Wasser oder den Tisch, als Prototypen wahrnehmen oder «erkennen»?1

[9]
Ist unser Sehen bildhaft? Oder nur die Beschreibung – eben mit Substantiven? Philosophen scheinen jedenfalls bei ihren Betrachtungen meist zu sitzen, also Ruhe zu geben.
[10]
Ein Beispiel:

2.

Die Welt durch das linke Auge gesehen (Mach, 1922) ^

[11]
Sehen wir uns die «Welt als Bühne» dazu an und beginnen wir mit der Zuschauerrolle.
[12]
Jeder einzelne von uns trägt den Rand eines Bühnenbildes mit sich herum, Brillenträger sogar als eigenes technisches «Gestell».
[13]

In Ernst Machs Skizze stellt die Nase/Augenhöhle den Rand dar, einen mobilen Rahmen den wir jederzeit sehen (können). Wir (be)finden uns also in einer «endo» Position2, wir sind eher aus dem Körper in die Welt hinaus Schauende als in uns Hineinschauende, Introspektoren.

[14]
Wie kommt es zu dieser Sicht?
[15]
Wir beginnen mit zwei Körpern auf einem grösseren Körper, der Erde:
[16]
Dabei betrachtet klassischerweise das Subjekt das Objekt (das, wie wir sehen werden, meist auch ein Subjekt ist):
[17]
Das hier als S bezeichnete Subjekt sieht dann etwa Folgendes, wenn man sich in es hineinversetzt: die Erde als Horizont im Hintergrund und davor, verkleinert, das Objekt:
[18]
In Machs Skizze ist der eigene Körper das Objekt, als Philosoph, wie gesagt, sitzend...
[19]
Und was erscheint in unserem täglichen Lebens-Bühnenbild? Als Darsteller sind wir (meist unbewusste) Protagonisten und wir interagieren mit allem, was uns die Welt bietet. Vor allem andere Menschen definieren durch ihre schiere Anwesenheit die Szene mit. Ganz alleine können wir wohl nicht (gut, lang) leben, wo kommt also diese tiefe Sozialität her? Beziehungen, in deren Zentrum das Dialog-Prinzip gilt, lassen sich bekanntermaßen schwer einseitig steuern.

3.

Wo kommt das Soziale, das Dialog-Prinzip, her? ^

[20]
Wie erwähnt, scheint es tief in unserem Nervensystem verankert zu sein und Imitation, Empathie, Neid und Eifersucht zu fördern. Den Anfang genommen hat es einerseits wohl in unserer Gattungs- und sogar Stammesgeschichte, andererseits, leichter nachvollziehbar, für jeden Einzelnen von uns unmittelbar nach (und natürlich vor) der Geburt.
[21]

Glaubt man an die Evolution als gemeinsamen Ursprung von Tier und Mensch und folgt man Richard Dawkins (2004) Ahnenweg zum Beginn der Wirbeltiere, so könnte man sehen, dass auf der Lebensbühne, je weiter wir von den Menschenähnlichen zu Affen und frühen Säugetieren zurückschreiten, die Requisiten und unbelebten Versatzstücke abnehmen, dafür aber ganze Gruppen von Anderen, andersartigen Akteuren, erscheinen, vor allem Beutetiere und Feinde.

[22]
Letztere, Raubfeinde oder Predatoren, waren immer wieder, über Millionen von Jahren, die jeweils verhaltensentscheidenden Mitspieler im (Über)Lebens-Spiel/ Kampf. Pflanzenfresser-Stadien haben in unserer Ahnenreihe an der Priorität des Angst-Szenariums nichts geändert.
[23]
Kurz gesagt ist die Geschichte der Wirbeltiere als permanente Interaktion meist zweier Individuen zu sehen, zwischen Jägern und Gejagten, den Sexualpartnern und, nicht zu vergessen, den Konkurrenten in den drei Szenarien. «Das Soziale» kann nur unter Einbeziehung von mindestens zwei anderen Tiergruppen verstanden werden – wenn wir nur weit genug «zurückdenken».
[24]
Für unseren heutigen, relativ unbedrohten Alltag (Raubfeinde finden wir fast nur mehr hinter Gittern und Beutetiere als Päckchen in Supermärkten) tritt das Soziale nur mehr in Menschengestalt auf: Böse ist wer Böses tut, etc...
[25]
Ein Bild oder ein Text mag eine Welt mit Anderen darstellen, sie sind aber noch keine Bühne. Erst wenn wenigstens eine andere Person auftritt, eröffnet sich das Theater vor unseren Augen. Jeder wird dann zumindest Zuschauer und Darsteller! Das Stück mag nicht jedem von uns von vornherein klar sein und die Rollen mögen laufend wechseln, wir sollten uns aber unserer Hauptdarsteller-Rolle immer bewusst sein.

4.

Literatur ^

Bohm, David, Die implizite Ordnung: Grundlagen eines dynamischen Holismus, Goldmann: München 1987

Csikszentmihalyi, Mihaly, Flow: Das Geheimnis des Glücks, Verlag Klett-Cotta: Stuttgart 1992

Dawkins, Richard, The Ancestor’s Tale: A Pilgrimage to the Dawn of Evolution, Houghton Mifflin: Boston MA 2004

Gibson, James J., Wahrnehmung und Umwelt, Urban & Schwarzenberg: Wien 1982

Mach, Ernst, Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, Nachdruck der 9. Auflage (1987), Wiss. Buchges. Darmstadt, Jena 1922

Roessler, Otto, Endophysik: Die Welt des inneren Beobachters, Merve Verlag: Berlin 1992

Rosch, Eleanor, On the internal structure of perceptual and semantic categories, in: Moore, T. E. (ed.), Cognitive development and the acquisition of language, Academic Press: New York 1973

Rizzolatti, Giacomo / Fadiga, Luciano / Gallese, Vittorio / Fogassi, Leonardo, Premotor cortex and the recognition of motor actions Cog Brain Res.: 1987, 3, 131-141


 

Anton Fürlinger, Facharzt für Transfusionsmedizin, Arbeitsmediziner, Evolutionsbiologe, Biosemiotiker (pensioniert).

  1. 1 (Substantiva werden oft «prototypisch» vorgestellt, rufen eine Art Durchschnittsbild oder -Schema ab, Rosch 1973).
  2. 2 (Rössler 1992)