Jusletter IT

Die Neue Burg in Wien

Überlegungen zur Neupositionierung einer unvollendeten Repräsentationsarchitektur

  • Author: Alfons Huber
  • Category: Articles
  • Region: Austria
  • Field of law: Semiotics
  • Citation: Alfons Huber, Die Neue Burg in Wien, in: Jusletter IT 11 September 2014
Trotz intensiver 25jähriger Bemühungen ist es nicht gelungen, für den museal genutzten Teil der Neuen Burg ein heutigen Standards entsprechendes Klimakonzept zu implementieren. Eine Analyse der Ursachen für die Dysfunktionalitäten lässt sehr unterschiedliche Deutungen mit erstaunlich kongruenten Ergebnissen zu. Eine nachhaltige Verbesserung wäre nur möglich durch ein neu definiertes Nutzungskonzept, das durch öffentlich erkennbare Zeichen sichtbar gemacht werden muss.

Inhaltsverzeichnis

  • 1. Vorbemerkungen
  • 2. Entstehungs- und Nutzungsgeschichte
  • 3. Anamnese
  • 3.1. Deutung aus systemtheoretischer Sicht
  • 3.2. Betrachtung aus einem anderen Blickwinkel
  • 3.3. Exkurs in ein außereuropäisches Denksystem
  • 4. «Energetische Heilung» der Neuen Burg durch ein institutionsübergreifendes Nutzungskonzept
  • 4.1. Ort der Völkerverständigung und Weltoffenheit Weltmuseum Wien / Museum für Völkerkunde
  • 4.2. Ort der Bildung und der Wissensvermittlung Österreichische Nationalbibliothek
  • 4.3. Ort der Harmonie und Kooperation Sammlung alter Musikinstrumente
  • 4.4. Ort der Reflexion zur heutigen Bedeutung von «Ritterlichkeit» und «Adel» – Hofjagd- und Rüstkammer
  • 4.5. Ort der Nachhaltigkeit und Verantwortung für die Zukunft «Ökosystem Museum»
  • 4.6. Ort der Reflexion über Machtmissbrauch und strukturelles Unrecht
  • 5. Neue Zeichen-Setzungen
  • 6. Schlussbemerkung
  • 7. Anhang

1.

Vorbemerkungen ^

[1]

Seit 1983 bin ich als Restaurator der Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums – der in der Neuen Hofburg in Wien aufbewahrten und weltweit ältesten Sammlung dieser Art – tätig. Ausgelöst von den enormen Klimaschäden an den Sammlungsobjekten in den 1980er Jahren1, habe ich mich mehr als 25 Jahre mit der Entwicklung eines konservatorischen Klimakonzepts für die museal genutzten Bereiche der Neuen Burg beschäftigt. Nach der 1989–1993 durchgeführten Generalsanierung der Musikinstrumentensammlung – die die Wintersituation zwar signifikant verbessert hat, die sommerliche Überwärmung jedoch nach wie vor nicht beseitigen konnte – habe ich 1992 erstmals ein übergreifendes Gesamtklimakonzept formuliert, dieses 20 Jahre lang im Detail ausgearbeitet und 2012 unter dem Titel «Ökosystem Museum» als Dissertation vorgelegt2. Die Arbeit war der 28. (bisher vergebliche) Versuch, die seit langem geltenden konservatorischen Standards im eigenen Wirkungsbereich ganzjährig und auch bei kritischer Witterung umzusetzen. Darüber hinaus wurde auch ein Energiesparpotenzial von ca. 20-30% aufgezeigt – ein Thema, dessen Aktualität nicht weiter betont werden muss.

[2]
In diesem langen Zeitraum wurde ich immer wieder gefragt, warum angesichts der klaren Faktenlage und trotz der zahllosen Untersuchungen, Berichte, Aktenvermerke, Messungen, Publikationen, Appelle etc., die argumentativ, bauphysikalisch und messtechnisch zweifelsfrei belegten Vorschläge nicht berücksichtigt bzw. nur in kleinen, nicht zu Ende gebrachten Teilschritten realisiert wurden. Fast alle vor 2012 initiierten Bemühungen schienen an einer gläsernen Mauer abzuprallen oder verliefen nach einem ersten Hoffnungsschimmer im Nirgendwo – ein unsichtbarer «Gegenstrom» brachte alle Initiativen immer wieder zum Stillstand.
[3]
Mit der Frage nach dem «Warum» für diesen permanenten Widerstand rückte ein Phänomen ins Bewusstsein, das von vielen der in der Neuen Burg Beschäftigen wahrgenommen und auch von manchen Besuchern schon beim Betreten des vorspringenden Eingangs, der ehemaligen Wageneinfahrt, bestätigt wird: Auf dem prächtigen Gebäude liegt eine gewisse Düsternis, eine abweisende Schwere, ein «Schatten», der sich auch durch mehrfache Renovierungen und bessere Beleuchtung nicht vertreiben ließ. Vielfache Erfahrungen zäher bzw. verweigerter Kommunikation und Nicht-Kooperation zwischen den Institutionen verstärkten diesen Eindruck.
[4]
Nachdem die wissenschaftlich fundierten Fragestellungen längst mehrfach beantwortet und aufgearbeitet waren, begann ich mich in den letzten Jahren vermehrt mit dieser schwer zu beschreibenden Phänomenologie und der Frage nach den Ursachen auseinanderzusetzen. Doch damit begibt sich ein seriöser Wissenschaftler auf schlüpfriges Terrain – die genannten Phänomene sind nicht messbar, sie werden von Außenstehenden bzw. «normalen Menschen» kaum wahrgenommen und in einer ersten Reaktion meist als Humbug abgetan.
[5]
Die vorliegende Arbeit kann deshalb keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit im engeren Sinn erheben; sie ist als Denkanstoß gedacht, einerseits zum 75. Jahrestag der Annexion Österreichs, andererseits als Impuls für ein neues, übergeordnetes Nutzungskonzept für die ganze Neue Burg, das dem Bau, seiner Geschichte und seinem Standort besser gerecht werden soll als heute. Somit könnte die 1918 unfertig gebliebene Neue Burg bis 2018 – also 100 Jahre nach dem Ende der Donaumonarchie und nach der Gründung der 1. Republik – durch eine kongruente Neupositionierung und nachhaltige Nutzung eine zukunftsweisende «Vollendung» erfahren.

2.

Entstehungs- und Nutzungsgeschichte ^

[6]
Die Neue Hofburg in Wien ist der letzte Monumentalbau der Habsburger Monarchie, des bis 1918 größten europäischen Staates. Sie wurde 1881 von Gottfried Semper und Carl v. Hasenauer im Verbund mit den beiden Hofmuseen als Teil des sogenannten «Kaiserforums», einerseits als Repräsentationsbau, andererseits als Wohntrakt («Corps de Logis») für die kaiserliche Familie geplant.
Abb. 1: Die Neue Burg (Foto: Alfons Huber)
[7]

Das auf der gegenüber liegenden Seite des großen Burgplatzes (Heldenplatz) spiegelbildlich geplante «Corps de Musée» als Erweiterungsbau für die kaiserlichen Sammlungen sowie der die beiden Flügel verbindende Thronsaal-Trakt kamen nie zur Ausführung: Im November 1918 war der Stadterweiterungsfond (zur Finanzierung des ganzen Kaiserforums) praktisch leer, der Krieg verloren, die Monarchie am Ende – von der gesamten Neuen Hofburg stand nach 23jähriger Bauzeit lediglich der südseitige «Flügel gegen den Kaisergarten» unvollendet und innen teilweise noch im Rohbau da. Im quadratischen, gegen die Ringstraße gelegenen und bereits 1914 baulich weitgehend fertig gestellten Westteil (heute – obwohl niemals bewohnt – «Corps de Logis» genannt), ist seit 1907 im 2. Obergeschoß die sog. Fideikommissbibliothek sowie die Porträtsammlung von Kaiser Franz I. (1768-1835) (beide heute ÖNB) untergebracht. Nachdem die Weltreisesammlung des Thronfolgers Franz Ferdinand bereits ab 1907 im Erdgeschoß des Corps de Logis aufgestellt worden war, wurden in die großen Säle im 1. Stock nach 1916 Teile der sog. Estensischen Sammlung hierher verbracht3. 1919 stand die neue Regierung der 1. Republik vor der schier unlösbaren Aufgabe, für den unfertigen riesigen Baukomplex eine sinnvolle Verwendung zu finden. 1922 wurde die Zweckwidmung der ganzen Neuen Burg (die für jede andere Nutzung als «unverwendbar» angesehen wurde), als Museum erstmals konkret ins Auge gefasst und ab 1924 umgesetzt.4

[8]
Heute beherbergt die Neue Burg die Hauptlesesäle, Bücherspeicher und Verwaltungsbereiche der Österreichischen Nationalbibliothek. Seit 1928 befindet sich in den unteren Geschoßen des «Corps de Logis» das aus verschiedenen Beständen der kaiserlichen Sammlungen hervorgegangene Museum für Völkerkunde. In der Öffentlichkeit kaum bekannt ist die Tatsache, dass in der Neuen Burg auch drei Sammlungen des Kunsthistorischen Museums aufgestellt sind: Seit 1934 im 1. Obergeschoß des Corps de Logis die Hofjagd- und Rüstkammer (bis 1996 «Waffensammlung») und ab 1947 im südseitigen Gartentrakt die Sammlung alter Musikinstrumente. 1978 wurde im östlichen Segmentbogen die Ephesus-Sammlung eingerichtet.

3.

Anamnese ^

[9]
Die Neue Burg war ursprünglich konzipiert, Brennpunkt der Habsburger-Monarchie, des bis 1918 flächenmäßig größten europäischen Staates zu sein. So wurde bei der Errichtung des prachtvollen Bauwerks nicht gespart: Die besten Architekten und Künstler lieferten ihre Entwürfe. Kostbare Materialien und gediegenes Kunsthandwerk von der Raumausstattung bis zum letzten Türbeschlag im Keller kamen zur Anwendung. Die von Ludwig Baumann entworfene, im Segmentbogen situierte zweigeschossige Prunkstiege ist ein architektonisches Meisterwerk. Ein ausgefeiltes Belüftungssystem, gespeist aus einem eigenen zweiten Kellergeschoß (der sog. «Luftbrunnen»), sollte höchsten Wohnkomfort gewährleisten.
[10]
Und dennoch: Die Neue Burg zieht keine Menschen an wie etwa Schönbrunn, das Belvedere oder die Kaiserappartements. Die meisten WienerInnen kennen weder den ursprünglichen Zweck des monumentalen Baus (obwohl er von der Bedeutung so etwas wie der Louvre hätte werden sollen), noch die heutigen hier befindlichen Institutionen und einzigartigen Sammlungen. Obwohl der Bau mitten im Herzen der Stadt liegt, ziehen die Menschenmassen über den Heldenplatz, am imposanten Segmentbogen vorbei, Richtung Hofburg und Innenstadt. Die Neue Burg verströmt keinen anziehenden Charme; vielmehr strahlt die hellgraue Fassade aus hartem istrischem Marzana-Sandstein eine gewisse Unnahbarkeit aus, als demonstrierte diese distanzierte Kälte, worum es hier ursprünglich ging: mm ein Statement der Macht, um eine Manifestation des absoluten Herrschaftsanspruchs. Insbesondere der über der vorgelagerten Wagenauffahrt in der Gebäudemitte befindliche Balkon bildet eine Bühne der besonderen Art: Wer hier steht und zu «seinem Volk» spricht, steht im Fokus eines großen sphärischen Brennspiegels, vor einem gigantischen Triumphbogen, legitimiert von einem riesigen goldenen Doppeladler, der schützend oder drohend seine Schwingen ausbreitet. Deutlicher geht es nicht.
[11]
Nun gibt es in Wien wahrlich genügend Herrschafts-Architektur; doch gibt es hier nur wenige Orte die, dem Wortsinn nach, so «unattraktiv» sind, u.a. weil sie seit ihrer Entstehungsphase so einseitig «aufgeladen» wurden von ambivalenten bzw. negativen historischen Ereignissen und Erfahrungen, die im heutigen kollektiven Gedächtnis weitgehend verdrängt sind:
[12]

Der schon während der Entstehung äußerst umstrittene Bau war von Anfang an von konzeptuellen Mängeln, Intrigen und ständigen Planungsänderungen begleitet. Nach jahrelangen Querelen wurde 1906 das Hofbaucomité aufgelöst; die Berichte, dass die Planungen seit Jahren praktisch stagnierten, lösten in der Presse eine Flut polemischer Artikel aus. Das «monströse Bauwerk» wurde als Schande für Wien bezeichnet, ja sogar sein Abriss gefordert.5

[13]
Die Neue Burg dokumentiert das tragische Ende der Donaumonarchie. Nach dem Freitod des Thronfolgers Rudolph (1858-1889) und dem Mord an Kaiserin Elisabeth (1837-1898) hatte Franz Joseph jegliches Interesse am Bauprojekt verloren. Der als Thronfolger und potentieller Besitzer nachgerückte Franz Ferdinand v. Österreich-Este (1863-1914) fiel seinerseits dem Attentat in Sarajevo zum Opfer. In der Folge ging das Habsburgerreich aufgrund einer starren, an der Vergangenheit orientierten absolutistischen Politik und dem unversöhnlichen Streit konkurrierender Interessensgruppen im Wahnsinn des 1. Weltkriegs unter.
[14]
Das Hochparterre der Neuen Burg, ursprünglich der kaiserlichen Garde gewidmet, diente gegen Ende des 1. Weltkriegs als Lazarett. Das «energetische Feld» der Räume wurde bereits in der Errichtungsphase mit vielen Erfahrungen des Niedergangs, der Auflösung und Demütigung, mit Erleben von seelischem und körperlichem Leid, von Wut, Neid und Rache etc. aufgeladen.
[15]
Zur Zeit des Ständestaates sollten anstelle der Waffensammlung des Kunsthistorischen Museums Teile des Heeresgeschichtlichen Museums in der Neuen Burg präsentiert werden – eine Manifestation des für die Zeit typischen Autoritarismus und Nationalismus. Auch in dieser Periode manifestierten sich Kräfte des Machtkampfes und der Intrige zwischen unterschiedlichen Interessensgruppen im Zusammenhang mit diesem Gebäude.
[16]
Der wohl nachhaltigste und ambivalenteste historische «Energie-Abdruck» erfolgte am 15. März 1938, als Adolf Hitler, nach der völkerrechtswidrigen Annexion Österreichs, vom Balkon der Neuen Burg den «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich verkündete. Was ein Großteil der Bevölkerung als hoffnungsvollen Neubeginn erlebte, bedeutete jedoch für Viele den Beginn von Elend, Verfolgung und geplanter Vernichtung.
[17]
Unmittelbar nach der manipulierten Volksabstimmung begannen auch in der Neuen Burg die Entlassungen von jüdischen MitarbeiterInnen, u.a. des Direktors der Waffensammlung Dr. August Grosz. Daneben wurden ab Sommer 1938 die Kellergeschosse der Neuen Burg luftschutztauglich gemacht und Bergepläne erstellt. Nach dem Abmauern der originalen Lüftungsschächte begannen die Räume in den Obergeschossen zu «ersticken» und heizen sich seither jeden Sommer auf über 30°C auf 6.
[18]

Im Sommer 1938 wurde im 1. OG (heute die Säle XV-XVIII der Sammlung alter Musikinstrumente) das «Zentraldepot beschlagnahmter Kunstwerke» eingerichtet. In der Folge werden hier bis zu 8‘000 von den Nazis geraubte Kulturgüter aus vorwiegend jüdischem Besitz gelagert7, die nach 1965 in die Kartause Mauerbach übersiedelt und in den 1990er Jahren versteigert wurden.

[19]
1944/45 diente die Neue Burg ein weiteres Mal als Lazarett. Ohne ausreichende Hygiene und Schmerzmittel wurden schwierige chirurgische Operationen durchgeführt8 – eine schreckliche Erfahrung für hunderte Soldaten, durch den Bombenkrieg verletzte Zivilisten und das Pflegepersonal. Der östliche Luftkollektorgang im 2. Keller diente wegen der kühlen Temperaturen als Totenkammer9.
[20]
Auch nach 1945 ging das Unrecht weiter. In vielen Fällen wurde mittels Verzögerungstaktik und Tricks versucht, die Rückgabe der geraubten Kunstschätze zu verhindern. Mehrfach ist dokumentiert, dass seitens des Museums die Herausgabe durch die Forderung nach «Schenkung» einiger begehrter Zimelien erpresst wurde.
[21]
Ca. 1965 wurden fast alle zwischen 1938 und 1945 angelegten Akten vernichtet.

3.1.

Deutung aus systemtheoretischer Sicht ^

[22]

Die Neue Burg ist v.a. als Museum «dysfunktional». In meiner Dissertation habe ich in einer systemtheoretischen Analyse gezeigt, dass die von Mitarbeitern der Neuen Burg über Jahrzehnte beobachteten und beklagten Dysfunktionalitäten wie Kommunikationsprobleme, zähe Informationsflüsse und Verwaltungsabläufe, fehlende Entscheidungen für dringend geforderte Verbesserungsmaßnahmen etc. fast zwangsläufig aus den gegebenen Organisationssystemen und Verwaltungsstrukturen resultieren, die von unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Teilinteressen und Abhängigkeiten bespielt werden10.

Abb. 2: Die Neue Burg als Schnittmenge unterschiedlicher Verwaltungssysteme und Einflussbereiche

[23]
Die Idee, dass ein gemeinsames, von allen Beteiligten gleichermaßen angestrebtes Ziel wie ein konservatorisches Gesamtkonzept für die Nutzung der Neuen Burg je formuliert werden könnte, erweist sich allein aufgrund des Nebeneinanders so unterschiedlicher Institutionen weitgehend als Illusion: In den Entscheidungsprozessen großer Organisationen wird selten die «beste» Lösung gewählt, sondern eine, die für die meisten hinlänglich «befriedigend» ist. Das «Dahinwursteln» im suboptimalen Bereich erweist sich dabei fast immer als ausreichend stabil, zielgerichtet ist es jedoch nicht.11

3.2.

Betrachtung aus einem anderen Blickwinkel ^

[24]
Das Hauptproblem der Neuen Burg besteht darin, dass hier niemals ein einheitliches, kongruentes Nutzungskonzept entwickelt und umgesetzt wurde. Es gab hier nie einen Bauherrn, der nach einer festlich zelebrierten Schlusssteinlegung und feierlichen Eröffnung mit seiner Familie voll freudiger Erwartung in den vollendeten Schlossbau eingezogen wäre. Die Besiedelungen von Teilbereichen waren infolge der historischen Begebenheiten häufig Verlegenheitslösungen.
[25]
Die ersten hundert Jahre – von Baubeginn bis zur Wende nach der sog. «Waldheim-Affäre» – wurde die Neue Burg mehrheitlich mit Emotionen und Erfahrungen von Macht und Machtmissbrauch, Intrige, Standesdünkel, Militarismus, Herrenmenschentum und Unrecht, also mit körperlichem und seelischem Leid energetisch «aufgeladen» – ein Unrecht, das kaum bekannt, wenig benannt und in verschwindendem Maß bereut oder gar gesühnt wurde. Es ist Teil dieser Phänomenologie, dass die Bronzeplatte auf dem Balkon, die zur Verherrlichung des Diktators an den «Anschluss» Österreichs erinnern sollte, nach dem Ende der Nazi-Diktatur entfernt und durch eine neutrale Steinplatte ersetzt wurde. Eine Bedenktafel aus der Zeit danach oder sonstige Zeichen, die an die Fragwürdigkeit dieses historischen Ereignisses erinnern, sucht man im Bereich der Neuen Burg vergeblich.
[26]

Ein Aspekt wurde bisher kaum thematisiert – die architektonische Dynamik der Anlage. «Von allen Arten der Kunst ist Architektur die einzige Disziplin, der sich kein Mensch entziehen kann; lebt er doch im Innen- und Außenraum und wird von Geburt an von ihren Formen und Farben determiniert.»12 Die Neue Burg ist unvollendete, besser «verhinderte» (Erich Fries13) Herrschafts-Architektur: Die mächtige kolonnadenbewehrte Fassade mit dem Haupteingang gleicht einem großen Konkavspiegel, dessen Achse und Fokus nach Nordwesten weisen – auf die Nachtseite. Diese Himmelsrichtung (im Jahreskreis dem November entsprechend) ist noch um einen Grad «trostloser» als die darauf folgende «Mitternacht» (Wintersonnenwende, «Weihnachten»), ab der ja bereits die Hoffnung auf den heraufkommenden neuen Tag spürbar wird. Grund für diese Dynamik ist die Leerstelle auf der gegenüberliegenden Seite des Heldenplatzes für das spiegelbildlich konzipierte, aber nie gebaute «Corps de Musée». Dieser weitere Museumsbau mit dem «Leuchten» darin aufbewahrter Schätze und dem akkumulierten universalen «Wissen» des kulturellen Zentrums der Monarchie, hätte mit der nach Südosten («Sonnenaufgang» ) weisenden Achse die Dynamik der Dunkelheit kompensiert. Der bestehende Teil der Neuen Burg fokussiert ohne Pendent «absolute Dunkelheit» auf den Platz und den ominösen Balkon.

3.3.

Exkurs in ein außereuropäisches Denksystem ^

[27]
Die o.a. Gedankengänge habe ich Anfang 2013 meiner langjährigen und geschätzten Kollegin Dr. Beatrix Darmstädter (Kuratorin an der Sammlung alter Musikinstrumente, Mediävistin und Musikwissenschaftlerin), die sich seit Jahren mit chinesischer Philosophie und Taoismus beschäftigt, vorgelegt. Völlig unerwartet antwortete sie in einer ausführlichen Stellungnahme (der ich auch im Text weitgehend folgte) mit der Zusammenfassung, sie kenne kein anderes Gebäude, dessen Phänomenologie so klar mit Aussagen im chinesischen «Buch der Wandlungen» (I-Ging) in Übereinstimmung zu bringen sei (einige erläuternde Details dazu im Anhang).
[28]
Die Untersuchung eines Gebäudes nach taoistischer Philosophie geht von der Himmelsrichtung des Haupteingangs aus, d.i. bei der Neuen Burg Nordwesten. Diese Himmelsrichtung wird mit dem Element Metall assoziiert und entspricht dem I-Ging-Symbol Kiën, also den drei durchgehenden, «männlichen» Linien. Metall, Trockenheit und das entsprechende Symbol deuten auf Härte und unnachgiebige Kraft hin. Kiën bedeutet vor allem auch «Vater» und «Himmel» – allerdings nicht in einem Kontext der «Güte», sondern der Unerbittlichkeit einer höheren Ordnung. Auf einer weiterführenden Ebene stecken eher negative bzw. aggressive Energien dahinter, wie Kampf, Konfrontation, feindliches Eindringen. Den Elementen und Himmelsrichtungen sind auch Lebensbereiche zugeordnet, wobei Metall und Nordwesten mit materiellem Reichtum verbunden wird. Nach der taoistischen Farbenlehre gelten Weiß, Grau und Silber als für den NW charakteristisch. Zum Element und zur Himmelsrichtung werden folgende Formen als passend beschrieben: oval, kuppelförmig und rund, sowie die geometrischen Formen Bögen und Halbkreise. Als Antagonisten wirken das Feuer, weil es Metall zu schmelzen vermag, alle spitz zulaufenden Formen und Gegenstände, weil sie im Gegensatz zum Rund stehen, sowie die Farbe Rot und deren Farbmischungen. Adelspaläste und Tempel zählen zu den typischen Bauwerken mit NW-Ausrichtung. Die Qualität derartiger Bauwerke ist Zielstrebigkeit, die mit ihnen verbundenen Emotionen sind Trauer und Kummer.
[29]
Aus dem Blickwinkel des I-Ging erscheint das Schicksal der Neuen Burg in vielen Details vom Grundstein an vorbestimmt zu sein: Der kreisbogenförmige Grundriss, die absolute Autorität als Hauptqualität des Gebäudes, die manifestierte Härte (bestätigt nicht zuletzt aufgrund des verwendeten Baumaterials), die aggressive Energie des feindlichen Eindringens, die mit diesem Haus und seiner Geschichte in Verbindung steht. Selbst die Farbe des hellen Gesteins und der weitgehend hellen Innenausstattung und die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes als Adelspalast stimmen mit der taoistischen Geomantie überein. Die Zielstrebigkeit könnte im Sinne einer Verbissenheit, das geplante Bauprojekt doch noch zu einem Ende zu führen, aber auch aufgrund der Tatsache interpretiert werden, dass der Kaiser eines im Zerfall befindlichen Reiches sich und seinem Volk ein letztes Mal die Entschlossenheit zu einer monumentalen Machtdemonstration beweisen wollte. Natürlich passen auch die Emotionen Trauer und Kummer ganz besonders zur Geschichte dieses Hauses.
[30]
Hinsichtlich der taoistischen Klimaqualität des Gebäudes überwiegt die «Trockenheit». Das Haus gilt wegen seiner NW-Ausrichtung im Sommer als tot, das im Frühling Wachsende, kann sich nicht entwickeln, im Winter herrschen Kälte und Trockenheit, nur im Herbst taugt das Gebäude für das Leben.
[31]
Das Interessante an dem über mehrere Jahrtausende durch Beobachtung und intuitive Reflexion weiterentwickelte System des I-Ging ist, dass es ein dynamisches d.h. offenes System darstellt, in dem unabdingbare Gegebenheiten (selbst wenn sie «negativ» sein sollten), durch gezielte Eingriffe korrigiert bzw. harmonisiert werden können, indem ihnen die Dynamik des jeweils passenden Antagonisten entgegengestellt wird. Das Wissen darüber im Bereich des Bauens und Wohnens ist wiederum in einem eigenen System zusammengefasst: Was in Europa unter dem Namen feng-shui eine gewisse Bekanntheit mit esoterischem Einschlag erlangt hat, wird in China und Japan als durchaus seriöse Wissenschaft betrieben, die nicht nur für persönliche und häusliche Harmonie, sondern auch für den wirtschaftlichen Erfolg von Konzernen eingesetzt wird.
[32]
Dies führt uns zur nächsten Frage: Kann man ein Gebäude «heilen»?

4.

«Energetische Heilung» der Neuen Burg durch ein institutionsübergreifendes Nutzungskonzept ^

[33]
Um der Neuen Burg eine zukunftsweisende Dynamik zu geben, muss aus dem als Brennpunkt der Macht gebauten Palast im Herzen eines Kaiserreichs ein Brennpunkt der Kultur, der Bildung und der Wissensvermittlung im Herzen eines demokratischen Mitteleuropas werden. Die kommenden Jahre mit der Neuaufstellung des «Weltmuseums Wien» (Museum für Völkerkunde) bieten die Chance, bis 2018, also 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie und 80 Jahre nach dem Ende der 1. Republik die Funktion der Neuen Burg neu zu definieren und im positiven Sinn zur Vollendung zu bringen:

4.1.

Ort der Völkerverständigung und Weltoffenheit Weltmuseum Wien / Museum für Völkerkunde ^

[34]
Das 2008 nach einer Teilsanierung eröffnete Museum für Völkerkunde soll bis 2017/18 als «Weltmuseum Wien» mit einem neuen Konzept dem Publikum wieder zur Gänze zugänglich sein. Die alten, von eurozentrischem Chauvinismus geprägten Konzepte haben einer neuen Wahrnehmung Platz gemacht, die die kulturellen und regionalen Eigenheiten der unterschiedlichen Völker und Kulturen als variante Ausprägungen der Vielfalt der großen Menschheitsfamilie erkannt hat.
[35]

Das Museum soll «dem besseren Verständnis einzelner Kulturen oder Weltregionen gewidmet» sein und sich «auf vergleichende Weise mit der Bandbreite menschlicher Kulturäußerungen und den Gemeinsamkeiten von Kulturen [befassen]. In ihrer Auseinandersetzung mit kultureller Fremdheit und mit dem, was alle Menschen miteinander verbindet, leisten ethnologische Museen einen wichtigen Beitrag zum Verständnis einer durch verbesserte Möglichkeiten der Mobilität und Kommunikation geschrumpften und durch Migrationsströme zunehmend multikulturellen Welt.»14

4.2.

Ort der Bildung und der Wissensvermittlung Österreichische Nationalbibliothek ^

[36]

In einer an den Beginn ihres umfangreichen Leitbildes gestellten Kurzdefinition versteht sich die ÖNB «als dienstleistungsorientiertes Informations- und Forschungszentrum, als herausragende Gedächtnisinstitution des Landes und als vielfältiges Bildungs- und Kulturzentrum.» «Als zentrale wissenschaftliche Bibliothek der Republik Österreich blickt die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) auf eine traditionsreiche Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurück. Sie ist lebendige Brücke zwischen dem reichhaltigen Erbe der Vergangenheit und den zukunftsorientierten Ansprüchen der modernen Informationsgesellschaft.»15 Der gesellschaftliche Anspruch und die politische Stellung dieser Institution ist unbestritten und gefestigt und braucht hier nicht näher erläutert zu werden.

4.3.

Ort der Harmonie und Kooperation Sammlung alter Musikinstrumente ^

[37]

Die Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums Wien ist die älteste und vermutlich schönste Sammlung dieser Art und geht auf die 1596 erstmals inventarisierte Kunst- und Wunderkammer Erzherzog Ferdinands II. auf Schloss Ambras zurück. Sie ist in Wien (Stadt der Musik?) weitgehend unbekannt, obwohl sie «über den weltweit bedeutendsten Bestand an Renaissance- und Barockinstrumenten verfügt. Darüber hinaus verwahrt, pflegt und präsentiert sie zahlreiche Instrumente, die von berühmten Musikern und Komponisten gespielt wurden. Zu den besonderen Sammlungsschwerpunkten zählen die einzigartigen Bestände der Wiener Hammerklaviere, der Streichinstrumente Jacob Stainers und der Holzblasinstrumente der Renaissance. Die Klangwelt der Komponisten der Wiener Klassik lässt sich anhand der Objekte der Sammlung alter Musikinstrumente lückenlos nachvollziehen.»16

[38]
Gemeinsam zu musizieren ist wohl der Inbegriff für Kooperation zugunsten eines höheren Zwecks, unter weitgehender Aufgabe individueller Einzelinteressen. Flache Hierarchien und eine Kommunikation nahezu auf gleicher Augenhöhe ermöglichen ein Wir-Gefühl und die Identifikation mit einem gemeinsamen Ziel: Musik bzw. Harmonie.

4.4.

Ort der Reflexion zur heutigen Bedeutung von «Ritterlichkeit» und «Adel» – Hofjagd- und Rüstkammer ^

[39]

Die Wiener Sammlung ist «die bestdokumentierte höfische Rüstkammer der abendländischen Welt, da die Objekte durchwegs im Zusammenhang mit hochpolitischen Ereignissen entstanden oder in die Sammlung gekommen sind […]. Keine andere Herrscherfamilie war mit so vielen Ländern Europas durch Heirat verbunden wie die Habsburger. Daher sind fast alle westeuropäischen Fürsten vom 15. bis ins frühe 20. Jahrhundert mit Rüstungen und Prunkwaffen vertreten.»17

[40]
Für die meisten jungen Menschen sind auch heute noch die Topoi «Ritter», «König – Königin», «Prinz – Prinzessin» positiv besetzt, obwohl sich die gesellschaftlichen Strukturen grundlegend gewandelt haben. Den ehemaligen Leitfiguren von damals, deren asymmetrisch ausgeweitete Herrschaftsstrukturen letztlich zum eigenen Systemzusammenbruch geführt haben, könnte als neue Leitfigur «der/die Edle», der in Harmonie und Mitte, Gleichmut und Gleichgewicht befindliche, durch Bildung und Verantwortung geleitete «Welt-Mensch» (Konfuzius) gegenübergestellt werden.

4.5.

Ort der Nachhaltigkeit und Verantwortung für die Zukunft «Ökosystem Museum» ^

[41]
Mit dem «Ökosystem Museum» wurde ein ganzheitliches Konzept für einen ressourcenschonenden Betrieb eines Museums der Zukunft vorgelegt. Der vorhandene originale «Luftbrunnen» ist nicht nur als Baudenkmal imposant; die empirisch fundierte Architektur und Ingenieurskunst des 19. Jhdts. kombiniert mit intelligenter Steuer- und Regeltechnik könnte richtungsweisend für eine nachhaltige Haustechnik des 21. Jhdt. umgesetzt werden.
[42]
Nicht zuletzt muss auch der Heldenplatz von seiner Funktion als Parkplatz befreit werden. Mit der Umsetzung der lange geplanten Tiefgarage und in Synergie mit der Erweiterung des Bücherspeichers für die ÖNB könnte der Platz eine attraktive Oberflächengestaltung und einen architektonischen Abschluss auf der Nordseite bekommen, wie dies etwa Ludwig Baumann 1910 vorgesehen hatte18.

4.6.

Ort der Reflexion über Machtmissbrauch und strukturelles Unrecht ^

[43]

Im Bereich der Neuen Burg fehlt bis heute ein Hinweis auf das hier Geschehene. Auch wenn das Verhalten und die Reaktionen der Akteure aus damaliger Sicht erklärbar sind (verlorener Krieg, Verträge von St. Germain, Verlust von Südtirol, Austrofaschismus, Arbeitslosigkeit etc.), birgt der mit einer Simplifizierung von historischen Fakten verbundene Verdrängungsprozess die Gefahr der Geschichtsverfälschung, nicht zuletzt, weil bald keine Zeitzeugen mehr am Leben sein werden. Das seit Jahren geforderte und aufgeschobene «Haus der Geschichte» wäre so ein Ort des Bedenkens19 – jedoch wurden die Vorschläge zum Standort in der Öffentlichkeit sehr kontroversiell diskutiert.

[44]
Um wirksam werden zu können, müssen allerdings allgemein sichtbare Zeichen aufgestellt werden.

5.

Neue Zeichen-Setzungen ^

[45]
Die Akteure dieses Paradigmenwechsels sollen die historischen Fakten kennen, diese jedoch nicht plakativ betonen. (Vor allem junge Menschen möchten nicht mehr an die alten Zeiten und die «kollektive Schuld» ihrer Groß- und Urgroßeltern erinnert werden.) Zu betonen sind hingegen die soeben ausgeführten positiven Aspekte, WAS die Neue Burg in Zukunft sein soll, unter Verwendung von sichtbaren Zeichen:
[46]
LICHT als Zeichen für das Erleuchten der Nachtseite, für Aufklären, deutlich sehen, Sonne, Energie (erneuerbar, dezentral demokratisch verwaltet), Feuer als Antagonist des martialischen Metalls etc. Da der Haupteingang auf der Nachtseite liegt, muss er bewusst «erhellt» werden (z.B. Lichtinstallation auf dem Balkon, eingeschrieben im oberen Teil des Triumphbogens). Es sollen ganz bewusst Strukturen aus der Natur: Kristallisationsmuster, Eiskristalle, Planetensignaturen, Intervallproportionen etc. nachgebildet werden, nach deren Gesetzmäßigkeiten wir makroskopisch und bis in die Moleküle hinein geformt sind.
[47]
In der Vergangenheit wurden Personen als Projektionsflächen für Machtanspruch («Kaiser», «Führer») verwendet bzw. missbraucht («Gehorsam»), was zur Delegierung von Verantwortung geführt hat («hab nur meine Pflicht getan...»). Das Paradigma des 21. Jhdts. heißt Eigenverantwortung und Kooperation. Der Maßstab dafür ist verantwortliches Handeln dem Leben gegenüber, Symbol dafür ist der BAUM, bzw. der GARTEN als Zeichen für die Verbindung von Himmel und Erde bzw. kosmische Integration. Die Verbindung mit unseren Wurzeln (Vorfahren, Geschichte als kollektives Erinnern) ist Voraussetzung für die Vitalität und Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Gebäude mit Pflanzen werden von den meisten Menschen als schön, heilsam, harmonisch empfunden. Dies könnte ein von den Balkonen herabhängender Pflanzenvorhang sein, der sich mit den Jahreszeiten verfärbt und ändert (mit einer den Bau schonende Montage durch Rankhilfen, Gitter o.ä.). Auf dem Balkon des Museums für Völkerkunde könnte ein Früchte tragender Baum o.ä. als Sinnbild des Lebens aufgestellt werden. Als deutlich sichtbares Zeichen, dass hier neue Wege beschritten wurden, mögen die bereits 2011 vorgeschlagenen (und mittels einer Simulation in ihrer Wirksamkeit nachgewiesenen) Pflanzenschirme als Sonnenschutz vor den problematischen großen Fenstern/Türen im Hochparterre (Terrasse) aufgestellt werden. Auch die Balkone auf der Südseite könnten durch Bepflanzung «verlebendigt» werden.
[48]
WASSER ist der Ursprung allen Lebens, es nährt, reinigt, belebt, erfrischt. Vom Zugang zu reinem Wasser wird neben der Energie der Frieden des 21. Jhdts. abhängen. Sichtbares Zeichen soll eine Wasserinstallation (Brunnen o.ä.) auf dem Heldenplatz sein.
[49]
Von sauberer LUFT hängt die Lebensqualität v.a. in den Ballungsräumen ab. Wasser und Luft sind unsere wichtigsten Nahrungsmittel. Sichtbares Zeichen soll ein vom Wind bewegtes «Klangspiel» auf dem Balkon vor dem Mittelbau sein (vorwiegend aus Metall gefertigte, feine Klangstäbe, Glöckchen, aber auch tiefe Holzresonatoren, sehr dezent und unaufdringlich und harmonisch abgestimmt). MUSIK (ohne Verstärkung, z.B. Freiluft- oder Althankonzerte) und schöner KLANG müssen wieder das Herz berühren und in den Menschen Lebensfreude auslösen.
[50]
Im allgemein zugänglichen Bereich, womöglich in der Wageneinfahrt unter dem Balkon, soll eine kleine DOKUMENTATION in Wort und Bild den ursprünglichen Zweck und die wechselvolle Geschichte der Neuen Burg und das hier Geschehene kurz und prägnant beleuchten. Diese Dokumentation würde täglich durchschnittlich 1.400 Besucher erreichen.
[51]
Als deutlich sichtbares Zeichen der KOOPERATION der verschiedenen Institutionen, soll das Vestibül im Haupteingang großzügig und durchlässig gestaltet werden – die Neue Burg muss sich nach Süden zum Burggarten hin öffnen. Hier braucht es eine visionäre, besonnene und in allen Details gemeinsam erarbeitete Lösung, die der Architektur und Bedeutung des Baus gerecht wird20. Diese klimatisch besonders heiklen Schnittstellen müssen klug geplant werden, um das Gesamt-Klimakonzept nicht zu gefährden. Als Klimaschleusen müssen hier Karusselltüren eingebaut werden – alles andere funktioniert gegen die enorme Thermik des Hauses nicht!
[52]
Der Heldenplatz muss «autofrei» werden, mit einer großzügigen und gärtnerisch ansprechenden Oberflächengestaltung.

6.

Schlussbemerkung ^

[53]
Vorliegende Überlegungen sind ein Brainstorming von Gedanken, die in der bisherigen Planung noch nie diskutiert wurden. Ich bin mir jedoch sicher, dass das Entwickeln eines Gesamtnutzung-Konzepts und das Hereinnehmen von «Strukturen des Lebens» als sichtbare Zeichen für Neubeginn, Zukunft, Nachhaltigkeit, verantwortungsvolles und gerechtes Wirtschaften etc. und nicht zuletzt die gemeinsame Nutzung und Gestaltung des Haupteingangs als sichtbares Zeichen für eine neue Kooperation, relativ schnell zu einer evolutiven und dynamischen Belebung im Gesamtsystem Neue Burg führen wird. Ein Ideenwettbewerb unter Künstlern und Spezialisten in den alten außereuropäischen Kulturen (Tibet, Indien, Afrika, Japan?) könnte unerwartete Lösungen zutage fördern. Nicht zuletzt gehört dazu auch die Umsetzung des Projekts «Ökosystem Museum», das eine Humanisierung der Haustechnik, Anhebung der Lebensqualität und Reduktion des Energieverbrauchs einleiten würde.
[54]
Die vorgeschlagenen Lösungen sind (für die Neue Burg) so grundlegend neu, dass mit deren Implementierung die überholten verhärteten Strukturen evolutiv aufgebrochen und verändert werden können. Dies hat nichts mit «Esoterik» zu tun, sondern schlichtweg mit der Tatsache, dass für deren Umsetzung eine bisher nicht gepflogene Art der Kommunikation und Kooperation notwendig ist, die systemimmanent zu einem Paradigmenwechsel führen muss. Dass die hier ein- und ausgehenden Menschen die Symbole für die zukunftweisenden Alternativen dann täglich vor Augen haben und ihrer positiven, harmonisierenden Wirkung mit allen Sinnen ausgesetzt sein werden, (was wiederum zu einer Verfestigung des neuen Paradigmas führt), ist ein mehr oder weniger selbstreferenzieller Nebeneffekt. Das Beibehalten des bisherigen föderalistischen «Nebeneinander-Herlebens» unter möglichster Vermeidung von Berührungspunkten und Konflikten wird hingegen die Dauer-Depression, in der sich die Neue Burg befindet, perpetuieren.
[55]
Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber jede Generation steht erneut wieder vor den jeweils zeittypischen «Versuchungen» des Machtmissbrauchs. Monarchischer Absolutismus oder nationalistischer Militarismus sind heute obsolet. Es besteht aber durchaus die Option, dass, dem heutigen Zeitgeist entsprechend, anstelle von «Strukturen des Lebens» oder «Strukturen der nachhaltigen ressourcenschonenden und menschenfreundlichen Kooperation» vermehrt und einseitig und autoritär auf «Strukturen der Quoten- und Gewinnmaximierung» geachtet wird. Es dürfte inzwischen klar geworden sein, dass dieser Weg nicht in eine bessere Zukunft führt.
[56]

Noch während der Bauzeit wurde die Neue Burg als hässliches «Monstrum» bezeichnet und dessen Abriss gefordert. Es sollte uns zuversichtlich stimmen, dass der lateinische Wortstamm mehrere Bedeutungen zulässt: Das Wort für Ungeheuer, Scheusal oder Monster bedeutete ursprünglich «Zeichen» bzw. «Wunderzeichen»21. Die Umdeutung liegt in unserer Hand.

7.

Anhang ^

[57]
Für ein vertiefendes Eingehen auf das komplexe System des I-Ging fehlen hier Platz und Kompetenz, doch möchte ich zum besseren Verständnis der geäußerten Gedanken einige minimale Grundinformationen geben: Das «Buch der Wandlungen» gehört zu den ältesten chinesischen Texten und lässt sich auf eine Orakelpraxis der Shang-Zeit (2. Jtsd. v. Chr.) zurückführen. Seine mehr philosophische Ausformung erhielt es ab dem 2. Jhdt. v. Chr. durch eine Reihe von angehängten Kommentaren («zehn Flügel»), die traditionell Meister K’ung-fu-tzu (Konfuzius 551–479 v. Chr.) zugeschrieben wurden. Das zentrale Thema seiner Lehre war die menschliche Ordnung, die durch Respekt vor anderen Menschen und Verehrung der Ahnen erreichbar sei. Als Ideal galt Konfuzius der «Edle», ein moralisch einwandfreier Mensch. Edel kann der Mensch dann sein, wenn er sich in Harmonie mit dem Weltganzen befindet. Konfuzius sah es als das höchste menschliche Ziel an, «den Angelpunkt zu finden, der unser sittliches Wesen mit der allumfassenden Ordnung, der zentralen Harmonie vereint.» Den Weg zu Harmonie und Mitte, Gleichmut und Gleichgewicht sah Konfuzius vor allem in der Bildung.22
[58]
Den Nukleus dieser Kosmologie bildet das – aus dem Urgrund der Leere manifestierte – Prinzip der Dualität (männlich-weiblich, hell-dunkel, außen-innen, hoch-tief, warm-kalt, hart-weich etc.), im Westen am ehesten bekannt als das Prinzip von Yang und Yin. Dessen Spannungsfeld bildet den Ursprung aller Lebensprozesse, am besten vergleichbar mit der positiven und negativen Ladung des elektrischen Stroms. Dabei ist von grundlegender Bedeutung, dass es innerhalb der Gegensatzpaare keine Wertung im Sinne von gut oder schlecht gibt; die zwischen den Polen herrschende Dynamik bzw. die Wandlung ist von Interesse – nicht der jeweilige Pol selbst.
[59]

Die Essenz des I-Ging bilden die bekannten 64 Hexagramme, deren dualer Charakter sich in den beiden verwendeten Ur-Elementen, einer durchgezogenen oder einer unterbrochenen Linie, äußert. Aus den zwei Linien lassen sich vier Zeichen (Digramme) zusammensetzen, die den auch in der abendländischen Philosophie vertrauten vier Elementen entsprechen.

[60]
Durch Hinzufügung jeweils eines Yang oder Yin lassen sich acht Varianten (Trigramme, «Zeichen») bilden, die – im Kreis angeordnet – das für Grundstückanalysen (vor Errichtung eines Gebäudes) wichtige sog. «ba gua» («acht Zeichen») ergeben. Je zwei Trigramme bilden wiederum die dualen Bausteine für die 64 Hexagramme.
[61]
Für die Analyse eines fertigen Bauwerks wird über den Grundriss das aus den gleichen 8 Themen-Feldern des «ba gua» (und dem «leeren» Energiezentrum in der Mitte) bestehende sog. «lo-shu-Gitter» gelegt, das die in den einzelnen Gebäudeteilen vorherrschenden Themen/Energien bzw. Dynamiken darstellt (s. Abb. 2).
[62]
Wendet man das lo-shu-Gitter auf die Neue Burg an, so ergibt sich folgende Übereinstimmung, die überraschenderweise ebenfalls mit dem Gebäude korrespondiert: Der Eingang (bezeichnet im lo-shu die Karriere – Feld 1) liegt in der Mitte des Hauses und ist historisch in der Tat für Karrieren förderlich gewesen; Der ursprüngliche Eingang zum Herrscherpalast dient heute als Eingang zur Nationalbibliothek und führte auch zum ominösen Balkon der Machtergreifung. Links vom Haupteingang (Feld 8) befindet sich der Bereich des Wissens – heute sind dort die wichtigsten Bereiche der ÖNB untergebracht. Direkt rechts vom Eingang findet sich im lo-shu die Zone der hilfreichen Menschen (Feld 6) und der Kreativität (Feld 7); heute befinden sich die Kassa und der Shop und schräg darüber die Sammlung alter Musikinstrumente in diesen Zonen. Zwei Bereiche, die historisch mit dem lo-shu übereinstimmen, sind der Marmorsaal (Ruhm, Tradition – Feld 9) und die Räume rechts davon (Ehe – Feld 2), die als Schlafgemächer für die Kaiserin konzipiert waren und den zwischenmenschlichen Beziehungen zugeordnet sind. Die gegenüberliegenden Zimmerfluchten waren als Wohn- und Schlafräume für den Kaiser (Familie, Gesundheit – Feld 3 und Reichtum, Wohlstand – Feld 4) vorgesehen. Im selben Bereich wurden 1938-45 die geraubten jüdischen Kunstwerke verwahrt (in einem weiten Sinn zählt angehäuftes Raubgut wohl auch als Besitz oder Schatz).
[63]
Bei dieser überraschenden Koinzidenz erscheint es nahe liegend, sich auch bei der «Harmonisierung» des Gebäudes mit den gleichen Gesetzmäßigkeiten auseinander zu setzen.

 

Abb. 3: Das lo-shu-Gitter und seine Bedeutungen

 


 

Alfons Huber, Restaurator an der Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums Wien. Univ.-Doz. an der Akademie der bildenden Künste Wien. Österreich.

  1. 1 Hufnagl, Herbert, «Der Museumsskandal», Artikelserie in der Tageszeitung KURIER, Wien 1987.
  2. 2 Huber, Alfons, Ökosystem Museum, Grundlagen zu einem konservatorischen Betriebskonzept für die Neue Burg in Wien. Dissertation an der Akademie der bildenden Künste, Wien 2011. http://www.khm.at/fileadmin/content/KHM/Forschung/Forschungsprojekte/2012/Dissertation-Huber/diss_120105.pdf.
  3. 3 Lhotsky, Alphons, Die Baugeschichte der Museen und der Neuen Burg, Wien 1941, S. 157.
  4. 4 Haupt, Herbert, Das Kunsthistorische Museum, Die Geschichte des Hauses am Ring, Wien 1991, S. 237 und 277.
  5. 5 Lhotsky, Alphons, Die Baugeschichte der Museen und der Neuen Burg, Wien 1941, S. 133.
  6. 6 Durchschlag eines Briefes (ohne Anrede) des Direktors der Waffensammlung Dr. Leopold Ruprecht vom 23. August 1938, vermutlich an den Ersten Direktor des KHM Fritz Dworschak.
  7. 7 Haupt, Herbert, Das Kunsthistorische Museum – Die Geschichte des Hauses am Ring, Hundert Jahre im Spiegel historischer Ereignisse, Brandstätter: Wien 1991, S. 129.
  8. 8 Persönliche Mitteilung (ca. 1995) von Dr. Hermann Neugebauer, Chirurg und späterer Leiter des orthopädischen Spitals Gersthof.
  9. 9 Mündlich überliefert von Mag. Eva-Maria Hüttel-Hubert (ÖNB).
  10. 10 Huber, Alfons, Ökosystem Museum, s. Fn. 2, S. 282-290.
  11. 11 Simon, Fritz, Einführung in die systemische Organisationstheorie, 2. Aufl., Heidelberg 2009, S. 31.
  12. 12 Fries, Erich, Macht und architektonische Zeichen, in: Lachmayer, Friedrich / Withalm, Gloria / Fries, Erich (Hg.), Zeichen, Recht und Macht, Wien 1995, S. 12.
  13. 13 Ders., S. 14.
  14. 14 http://www.ethno-museum.ac.at/das-museum/.
  15. 15 http://www.onb.ac.at/about/leitbild.htm.
  16. 16 http://www.khm.at/besuchen/sammlungen/sammlung-alter-musikinstrumente/.
  17. 17 http://www.khm.at/besuchen/sammlungen/hofjagd-und-ruestkammer/.
  18. 18 Lhotsky 1941 (siehe Fn. 5): Abb. 59 und 61
  19. 19 Rauchensteiner, Manfred / Karner, Stefan, Das Haus der Geschichte der Republik Österreich, Wien 1999.
  20. 20 An dieser Stelle sei Mag. Christa Angermann, Restauratorin der HJRK, für den langjährigen offenen Gedankenaustausch zu diesem Thema, für die kritische Durchsicht dieses Textes und die zahlreichen Anregungen und Ergänzungen gedankt.
  21. 21 Rathmeier-Wit, Hedwig, Zeichen und Tabu, in: Lachmayer, Friedrich / Withalm, Gloria / Fries, Erich (Hg.), Zeichen, Recht und Macht, Wien 1995, S. 144.
  22. 22 I Ging, Text und Materialien, übers. von Richard Wilhelm, 1. Auflage 1924, Kreuzlingen/München 2001. http://de.wikipedia.org/wiki/I_Ging (12. März 2013).